Frauen in der Nachfolge: Neue Wege der Führung in Familienunternehmen.

In meinem gleichnamigen Buch kommen 17 Unternehmerinnen zu Wort, die erfolgreich ihre Familienunternehmen übernommen und in die Zukunft geführt haben. Was macht ihren Erfolg aus? Worin liegt die besondere Stärke weiblicher Nachfolge?
Vor genau zehn Jahren erschien mein erstes Buch «Töchter im Familienunternehmen» Damals waren Nachfolgerinnen viel schwerer zu finden: Sie waren unsichtbarer, zurückhaltender, und ihre Geschichten waren stärker durch Vorstellungen geprägt, wie Unternehmensführung «zu sein hat» – genauer: wie man(n) ein Unternehmen führt. Die männliche Schablone begrenzte automatisch den Gestaltungsraum für Nachfolgerinnen, Frauen, Töchter.
Heute zeigt sich ein deutlich verändertes Bild. Was durfte sich entwickeln?
Ein Kernelement ist der gewachsene Freiraum, den Nachfolgerinnen heute erleben. Sie haben mehr Spielraum, ihre eigene Art der Führung umzusetzen. Traditionelle Erwartungen und starre familiäre Muster verlieren ihre unreflektierte Wirkkraft. Besonders die Möglichkeit, «Work & Care» individueller zu verbinden, hat das Selbstverständnis weiblicher Nachfolge nachhaltig verändert.
Ein weiterer Hebel ist die neue Sichtbarkeit und Vernetzung. Social Media – allen voran LinkedIn – macht Unternehmerinnen sichtbar und schafft tragende Netzwerke über Ländergrenzen hinweg. Nachfolgerinnen werden zur Gemeinschaft: Sie stärken sich, teilen Wissen, generieren Business und wirken als Role Models. Aus dem Narrativ der «ewigen Ausnahme» entsteht Selbstverständnis und Selbstbewusstsein.
Weibliche Nachfolge als Erfolgsmodell
Die Art der Führung spielt dabei eine große Rolle. Alle interviewten Frauen betonen: Erfolg ist Teamwork. Ohne Mitarbeitende geht es nicht. Viele führen im Tandem und wählen die Person an ihrer Seite bewusst aus. Komplementär in Stärken, Kompetenzen und Persönlichkeit. Führung im Dialog, Wertschätzung von Vielfalt und eine Kultur der Zusammenarbeit prägen weibliches Unternehmertum.
Und dennoch zeigt ein Blick auf die Zahlen immer wieder eine deutliche Diskrepanz: Die sichtbaren Erfolgsmodelle in der Praxis sind zahlreich, doch statistisch liegt der Anteil der Unternehmensübergaben an Töchter weiterhin nur bei 25–30 %. Warum?
Ein wesentlicher Teil dieser Ambivalenz ergibt sich aus strukturellen Barrieren, denen Frauen in der deutschen Wirtschaft insgesamt begegnen: ungleiche Bezahlung, fehlende Betreuungs- und Unterstützungsnetzwerke sowie steuerliche Ungleichheiten sind nur einige Beispiele.
Um in der Nachfolge Parität zu erreichen und die Zukunftsfähigkeit des familiengeführten Mittelstands zu sichern, braucht es eine Gesellschaft, die tradierte Muster reflektiert und aktiv neue Lösungen gestaltet.
Die Nachfolgerinnen im Buch – und viele weitere darüber hinaus – zeigen, dass es geht. Und wie es geht. Wir als Gesellschaft müssen zuhören und wir dürfen lernen.
Praxis: Was Rollenvorbilder zeigen
Drei eindrückliche Beispiele aus dem Buch für neue Formen weiblicher Nachfolge – ermöglicht durch einen gewachsenen Gestaltungsfreiraum – sind Linn Rose, Christina Diem-Puello und Gerda Söhngen.
Linn Rose entscheidet sich für die Übernahme des Familienunternehmens Rose Druck GmbH in Landau in der Pfalz, während ihr Mann und die beiden Söhne weiterhin in München leben. Sie organisiert die Unternehmensführung bewusst hybrid: Drei Tage pro Woche ist sie vor Ort, die übrige Zeit führt sie das Unternehmen aus der Distanz.
Christina Diem-Puello steht nach dem Verkauf des elterlichen Unternehmens vor dem vermeintlichen Ende ihrer Nachfolge. Sie entscheidet sich quasi über Nacht, ihren Traum nicht aufzugeben, sondern mit der DD Deutsche Dienstrad GmbH ein ganz neues Kapitel der Familientradition aufzuschlagen. Die Geschäftsidee einer digitalen Lösung für betriebliche Mobilität löst sie aus dem ursprünglichen Familienunternehmen heraus und entwickelt sie weiter.
Auch Gerda Söhngen wählt keinen geradlinigen Weg: Sie verlässt zunächst den Nachfolgeprozess, gründet ein eigenes Unternehmen und kehrt erst zurück, als ihre Eltern zur Übergabe bereit sind – mit 100% alleiniger Verantwortung. Heute trägt die KEIL Befestigungstechnik GmbH ihre Handschrift: strategisch, kulturell und in der Führung.
An ihren Geschichten wird sichtbar, wie Zukunftsfähigkeit entsteht, wenn Gestaltungsraum vorhanden ist und mutig genutzt wird.
Dr. Daniela Jäkel-Wurzer ist systemischer Coach, Moderatorin, Supervisorin und Expertin für Nachfolge und Familienmanagement in Unternehmerfamilien. Als promovierte Soziologin und selbst in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen, beschäftigt sie sich seit über 15 Jahren mit der Frage, wie Familienunternehmen zukunftsfähig bleiben und erfolgreiche Generationenwechsel gelingen. Sie gilt als ausgewiesene Expertin für weibliche Nachfolge, ist Autorin mehrerer Fachbücher und Studien und gibt ihr Wissen regelmäßig in Coachings, Vorträgen und Lehraufträgen weiter. Seit inzwischen mehr als 10 Jahren begleiten Dr. Daniela Jäkel-Wurzer auch zusammen mit Dr. Marcel Megerle Projekte. Gemeinsam mit Susanne Dahncke sind die beiden darüber hinaus Herausgebende des 2021 erschienenen Sammelwerks «Familienstrategie erleben und gestalten».
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