Erbe als Verantwortung: Vom Finden eines Kompasses für die nächste Generation.

Wer in einer vermögenden Familie aufwächst, kann sich glücklich schätzen – möchte man meinen. Aber die nächste Generation von Erben und Erbinnen, von Familienunternehmern und -unternehmerinnen, muss sich durchaus beweisen, nicht zuletzt auch vor sich selbst. Niemand will ein Leben lang nur als «Sohn von» bzw. «Tochter von» gelten. Wie gelingt es ihnen, dem Familienvermögen eine eigene Prägung zu geben? Wie wahren sie den Frieden mit ihren Geschwistern, auch wenn diese ganz andere Lebensentwürfe verfolgen als sie? Wie bilden sie sich aus, um zu verantwortungsvollen Investoren zu werden? Was erzählen sie ihren Freunden und Freundinnen, warum sie sich jetzt plötzlich ein Haus oder eine Wohnung leisten können? Und finden sie das eigentlich fair, dass sie ohne eigene Leistung vermögend sein werden?
Jorge Frey hat mit seinem Co-Autoren Eugen Stamm über dreissig Direktbetroffene zu diesen Themen interviewt – u.a. auch Dr. Marcel Megerle in seiner Rolle als erfahrenen Begleiter familienstrategischer Prozesse. «Erbe als Verantwortung» (Erbe als Verantwortung | Wirtschaft | Bücher | NZZ Libro) legt den Fokus beim Vermögensübergang auf die übernehmende Generation. Das Buch ist die Fortsetzung zu «Von Geld und Werten» (NZZ Libro 2019), in dem die Vorbereitung der übergebenden Generation an ihre Nachkommen im Mittelpunkt steht.
Was folgt, ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Buch, das als Kompass für die Erbengeneration gedacht ist.
Vermögensübernahmebedingungen
Auch die nachfolgende Generation sollte beurteilen können, was sie übernehmen. In diesem Sinne äussert sich Manuela Marti*[1], 45-jährig, CEO und Eigentümerin einer Firma in zweiter Generation:
Bevor man Verträge unterschreibt, sollte man sich extern beraten lassen, auch wenn das die familiäre Bande schwieriger macht. Man muss sich der Diskussion mit den Eltern stellen. Eine «Due Diligence» ist auch im familieninternen Übergang unbedingt notwendig. Der, der abgibt, weiss genau, was er macht, und der, der übernimmt, weiss eigentlich nichts. Von Governance hatte ich keine Ahnung und es gab eigentlich auch keine Governance, als ich übernahm. Es geht um so viel und mir sind nach der Übernahme so viele Sachen um die Ohren geflogen.
Die Ablösung von ihrem Vater hat sie als schmerzhaft in Erinnerung, auch wenn sie heute erkennt, dass dies auch für ihren Vater nicht einfach gewesen sein musste. Was ihr am meisten gefehlt habe, sei die Anerkennung ihres Vaters für den anderen Weg, den sie mit der Firma einschlug – der erfolgreich war. Auf die Frage, ob und wie sie die Firma an ihre heute noch minderjährigen Kinder übergeben möchte, reagiert Manuela mit Skepsis: «Ich stehe dem kritisch gegenüber. Ich möchte nicht, dass meine Kinder diese schwere Last übernehmen müssen.» Die Autoren sind der Meinung, dass es die Verantwortung der Eltern ist, die Kinder zu befähigen, Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Vermögen fällen zu können. Die Entscheidung selbst, ob sie wollen oder nicht, sollte man aber eher ihnen überlassen. Gemäss Schweizer Erbrecht erhalten die direkten Nachfahren einen Pflichtteil von mindestens 25 Prozent des erblassenden Elternteils. In Grossbritannien gibt es diese Regelung beispielsweise nicht. «Es liegt an ihnen, ob sie mir etwas hinterlassen wollen», sagt Hector* in Bezug auf seine Eltern. Und weiter: «Es ist die Entscheidung des Empfängers, ob er das Erbe annehmen möchte oder nicht.»
Wer sich mit seiner privilegierten Vermögenssituation oder ihrer Entstehungsweise schwertut, hat also zumindest Alternativen: Die Kinder können das Erbe ausschlagen, so wie Tis*. Ausschlagen ist auch gleichbedeutend damit, dass keine Bedingungen gestellt werden können. Die Kinder können sich politisch für eine hohe Erbschaftssteuer einsetzen oder das Geld spenden oder umverteilen. Zwar ist ein Verzicht am einfachsten umzusetzen, doch vergibt man sich damit auch der Möglichkeit, das Erbe in eine für sich selbst sinnvolle Richtung zu lenken.
Diesen Möglichkeiten und Erfahrungsberichten geht das Buch auf den Grund: Von Kapitel 1 «Etwas ist ein bisschen anders: wie man vermögend aufwächst» bis Kapitel 12 «Vermögen als Aufgabe», in welchem veranschaulicht wird, wie man sich als Erbengeneration mit der Frey-Stamm-Methode schrittweise auf das Vermögen vorbereiten kann.
Jorge Frey hatte in der Vergangenheit verschiedene Interaktionen mit FUTUN im Bereich des Vermögensübergangs. Er schätzt den offenen Erfahrungsaustausch sehr und durfte einen Gastbeitrag zum Buch «Familienstrategie erleben und gestalten» (SpringerGabler 2021) beisteuern. Jorge arbeitete nach einer klassischen Bankausbildung und einem Betriebsökonomiestudium bei diversen Finanzinstituten im In- und Ausland. Seit 2006 ist er Senior Partner bei Marcuard Family Office, einem Multi-Family Office in Zürich und begleitet unter anderem Familien im Rahmen des Vermögensübergangs. «Erbe als Verantwortung» ist sein viertes Buch.
[1] Pseudonym

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