Clear Leadership: Organisationale Muster verändern, Gespräch für Gespräch.

Es gibt etwas, was eigentlich jede Organisation beschäftig, egal ob groß oder klein, ob mit oder ohne Familie im Hintergrund: Off Spaces, wie die Kaffeeküche, der Raucherbalkon oder der Abendbrottisch der Unternehmerfamilie sind seit je her Orte des informellen Austauschs. Hier werden Muster besprochen, die sich wiederholen oder wie Maria über Torbens Vorschläge wirklich denkt und ob der Bereichsleiter die neue Strategie aus Protest sabotiert. Wer weiß also am besten Bescheid, was in der Organisation wirklich passiert, was «nicht besprechbar» ist, was «man wissen muss»?
Es ist sicher nicht die Geschäftsführerin und genauso wenig der in derlei Beispielen viel bemühte Portier. Es wäre wahrscheinlich die Kaffeemaschine, wenn sie eine Wahrnehmung hätte, von der sie berichten könnte.
Was bedeutet das für Führung und Zusammenarbeit? Im Zweifelsfall fehlt Führungskräften – und in Familienunternehmen insbesondere Familienmitglieder in aktiver Rolle – immer ein relevanter Teil der verfügbaren Informationen, an denen sie ihre Entscheidungen, Handlungen und Kommunikation ausrichten können.
Kaffeeküchengespräche sind nicht dazu da, um Teil der expliziten Kommunikation zu sein. Gespräche beim Familienabendbrot schon gar nicht, lautet diesbezüglich eine weit verbreitete Annahme. Aber was, wenn doch und wenn ja, wie würde eine produktive Variante dessen aussehen?
Wenn Perfektion das Lernen blockiert
Musterveränderung in Organisation bedeutet immer auch ein Entwicklungsschritt, dem Lernen vorangeht – sowohl auf individueller als auch auf organisationaler Ebene, selbst wenn der Ausgangspunkt viel kleiner ist – in unserem Fall: zum Beispiel das Kaffeemaschinengespräch.
Im Kontext von Lernen und Entwicklung in Organisationen gewinnt die Frage nach einer produktiven Variante jener Gespräche überraschende Relevanz. Um sie auszuloten, werfen wir einen Blick auf Ansätze der dialogischen Führung, insbesondere dem Clear Leadership. Denn: Lernen und Entwicklung wollen fast alle für sich und ihre Organisation auf die Agenda setzen – doch praktisch ist es nicht ganz so leicht.
Organisationen sind häufig Systeme, in denen ein stark ausgeprägter «Kompetenzzwang» zu beobachten ist. Das kann sich zum Beispiel daran zeigen, dass kritische Feedbacks – entgegen der Hoffnung – von den Empfänger:innen nicht freudig entgegengenommen, sondern erklärungsreich abgeschmettert werden. Unter keinen Umständen darf, wo der Kompetenzzwang wirkt, deutlich werden, dass etwas, was jemand tut «less than perfect», also womöglich verbesserungswürdig sein könnte. Der Haken an der Sache ist: je «kompetenter» sich jemand zeigen muss, desto weniger Raum bleibt für Entwicklung. Auch hoher Performancedruck in Organisationen steht kurzfristig oft einer erst mittelfristig bis langfristig wirksamen Entwicklung durch Lernen im Wege.
«Leaders go first»
Wie lässt sich dieser Teufelskreis durchbrechen? Indem Lernen zur Kompetenz gemacht wird. «Leaders go first» ist hierfür hilfreich, denn Führungskräfte und –Unternehmerfamilienmitglieder noch mehr – stehen per se unter höherer Beobachtung als andere Mitglieder einer Organisation. Eine Führungskraft zeigt sich demnach lernend und macht Positivbeispiele für Lernen und Entwicklung auch von anderen und für andere sichtbar.
Die Haltung dahinter ist: den Blick auf das Positive, auf Potenziale und erste Fünkchen vom Neuen zu richten. Sehen und benennen was möglich ist, statt was noch fehlt.
«Lead with intent»: Transparenz als Schlüssel
Dasselbe Prinzip, nämlich als Führungskraft den ersten Schritt zu machen, greift auch, indem man sich erklärt, bevor man Fragen stellt. Nicht selten lösen allein Fragen, die eine Führungskraft stellt, schon Verunsicherung und Defensive beim Gegenüber aus. Wenn sie aber die Intention ihrer Frage voranstellt und teilt, was sie an der Situation bewegt und beschäftigt und dabei bei sich und ihrer Erfahrung bleibt, hat das Gegenüber die Möglichkeit, Orientierung und Klarheit über die Situation zu bekommen und wird so vom eigenen ständig ablaufenden «Sensemaking» (wir alle tun das, es ist ein normaler menschlicher Prozess) entlastet. Oft hat dies einen positiven Effekt, denn die eigenen Gedanken und Interpretationen über andere sind meist wesentlich schlimmer als die Realität. Es geht darum, mit der eigenen Intention zu führen und darüber transparent zu sein.
Landkarten des Verstehens
Landkarten eignen sich dafür gut als Metapher – sie sind etwas, das wir uns über unser ganzes Leben hinweg aneignen und woran wir uns orientieren. Es lohnt sich, bewusst mit diesen mentalen Modellen umzugehen, sie in der Kommunikation zu nutzen und die Bereitschaft zu üben, sich von anderen Landkarten inspirieren zu lassen und eigene anzupassen. Führungskräfte tun gut daran, ihren Mitarbeitenden und Peers Einblicke in die eigenen Landkarten zu geben. Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg hin zu klarer Kommunikation und Führung.
Lernkonversationen: Der Weg zur Musterveränderung
Besonders wirkungsvoll sind dabei «Lerngespräche», in denen es darum geht, im 1:1 die eigene Erfahrung zu teilen, die des Gegenübers kennenzulernen und die jeweilige Wirkung im Hier und Jetzt herauszuarbeiten. Mit dieser Klarheit besteht dann das Potenzial, die Interaktionsmuster zu verändern. Nicht, indem man vom Gegenüber erwartet, dass er oder sie fortan etwas anders tut als bisher, sondern indem die eigene Lernerfahrung genutzt wird, um bewusst etwas zu verändern – oder auch (noch) nicht.
Von der Kaffeeküche in den Boardroom
Was bedeutet das nun für die Kaffeemaschinengespräche? Als dialogisch orientierte Führungskraft arbeitet man darauf hin, einen Raum zu erschaffen, in dem es sicher ist diese Gespräche direkt zu führen. So, dass eigene Erfahrungen, Meinungen und Eindrücke des Gegenübers – auch wenn sie widersprüchlich zu denen der Führungskraft sind – genauso Gegenstand der regulären Kommunikation sein können, wie Zahlen, Daten, Fakten oder die Agenda des kommenden Quartals. Womöglich sind solche offenen Lernkonversationen ungewohnt. In jedem Fall erfordern sie eine hohe Bereitschaft zur Selbstreflexion und ein großes Maß an Vertrauen. Doch nur wenn das gelingt, kann ein:e Manager:in diesen relevanten Teil der Information in das Management mit einbeziehen. Es geht also um die Entwicklung der Organisation, nicht um eine Kommunikationstechnik. Die Hebel sind tiefgreifende Selbstreflexion und ein ehrliches Interesse an Entwicklung. Darüber gelingt Musterveränderung – ein Gespräch nach dem anderen.
Friederike Machemer ist seit 2019 Teil der Beratergruppe Neuwaldegg und lebt in Wien. Mit Offenheit und Neugier begleitet sie Menschen und Organisationen in Transformations- und Strategieprojekten sowie in der Entwicklung und Begleitung von Führungskräften. Dabei stellt sie wesentliche Fragen, hört was zwischen den Zeilen steht, und unterstützt den Weg zu klarem, zielgerichtetem Handeln – wachsam, analytisch und empathisch.
Aufbauend auf ihrer Erfahrung als Strategieberaterin und einem fachlichen Hintergrund in Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Kulturreflexion arbeitet sie grundsätzlich systemisch und gerne an Themen mit strategischer Verankerung, um Räume für nachhaltige Entwicklung zu schaffen.
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